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09.07.2012, 17:43 Uhr | HW
Gedenkworte von Herrn Maximilian Tauscher für die Opfer des Volksaufstandes am 17. Juni 1953
Kranzniederlegung der Kleinmnachnower Christdemokraten am 17. Juni 2012
 Die Kleinmachnower Christdemokraten haben am Sonntag, den 17. Juni 2012 der Opfer des Volksaufstandes in der DDR am 17. Juni 1953 gedacht. Zum 59. Jahrestag des Aufstandes legten sie am Adam-Kuckoff-Platz einen Kranz nieder. Dort erinnert auch ein Gedenkstein an die Opfer der Deutschen Teilung von 1949 bis 1989.
Der Ehrenvorsitzende der CDU Kleinmachnow, Maximilian Tauscher, erinnerte in einer Ansprache an die damaligen Ereignisse und mahnte, die Erinnerung an die Opfer wachzuhalten. Anschließend legten auch Vertreter der Teltower und Stahnsdorfer CDU Kränze und Blumen nieder. Mit einer Gedenkminute ehrten die rund 25 Teilnehmer die Opfer des Volksaufstandes.
Es folgen die Gedenkworte von Herrn Maximilian Tauscher:
 
Adam-Kuckoff-Platz -
"Wenn wir heute der Opfer des Volksaufstandes vom Juni 1953 gedenken hilft es, die Ereignisse in gesicherten Analysen und Berichten anzuschauen.
 
Karl Wilhelm Fricke schreibt in der Beilage zur Wochenzeitung „Das Parlament“ in seinem Beitrag:“ Die nationale Dimension des 17.Juni 1953:
„ Die westliche Zeitgeschichtsforschung arbeitete den 17.Juni 1953 in der Zeit der deutschen Teilung zwar so gut wie möglich auf, aber mit dem Zugriff auf die Archive der DDR hat sie eine neue Qualität erreicht.
 
Eine totale Revision des bis 1990 erarbeiteten Geschichtsbildes war gleichwohl nicht erforderlich, seine grundlegenden Erkenntnisse waren von Bestand.
Zu korrigieren waren  Zahlen über das Ausmaß der Erhebung, denn die Zeitgeschichtsforschung hatte jahrzehntelang DDR-amtliche Fälschungen hingenommen, mit denen die Herrschenden das Wissen über den 17.Juni unterdrücken wollten.
Tatsächlich hatte die Besatzungsmacht über 167 von 217 Stadt-und Landkreise der DDR den Ausnahmezustand verhängt.
In Brennpunkten des  Aufstands wie Ost-Berlin, Magdeburg, Halle und Leipzig wurde er erst nach Wochen aufgelöst. Die seinerzeit von Ministerpräsident Otto Grotewohl offiziell genannte Zahl  von 272 Städten und Ortschaften, die von Streiks, Demonstrationen und Unruhen erfasst worden seien, erwies sich nicht nur als falsch, sondern als bewußt gefälscht.“ 
Kowalczuk hat nach  Recherchen 701 Städte und Ortschaften aufgelistet.
 
Wolfgang Leonhard wurde 50 Jahre nach den Ereignissen des 17. Juni 1953 gefragt, welchen Stellenwert dieses Datum heute noch hat. 
Er antwortete darauf:
„Beim –Tag der deutschen Einheit – wurde nur ein kleiner, der nationale Aspekt in den Mittelpunkt gestellt.
 
Die Bedeutung des 17.Juni 1953 geht jedoch weit darüber hinaus,
Es war ein Aufstand gegen die stalinistische Diktatur, der mit völlig gerechtfertigten wirtschaftlich-sozialen Forderungen der Industriearbeiter begann, aber schnell darüber hinaus ging und mit der Forderung nach dem Sturz der Diktatur und demokratische Wahlen in der DDR seinen Höhepunkt erreichte.
 
17.Juni ist für mich ein Tag des Kampfes einer  großen, revolutionären Freiheitsbewegung.
Und es kommt nicht darauf an, ob sie erfolgreich war, sondern worin die Ziele bestanden, wofür die Menschen eingetreten sind.
Für mich ist die Revolution von 1848 ein unglaubliches Ereignis, obwohl sie niedergeschlagen wurde.
 
Dasselbe gilt für den 17. Juni 1953.“
 
„Es war ein spontaner Aufstand, aber mit einer erstaunlichen Kontinuität, Sachkenntnis und Steigerungsfähigkeit.
Er verlief geradezu nach einem marxistisch-leninistischen Lehrbuch:
Zuerst die unmittelbare gewerkschaftliche Tagesforderung 
nach Rücknahme der Normerhöhung um 10 %.
Dann die politische Forderung nach Straffreiheit für die Streikenden.
Dann die Wahl von Betriebsausschüssen .
Überall wurden neue Organe außerhalb der DDR-Staats- und Parteiorgane  und außerhalb des FDGB gewählt.
Dann die Massendemonstrationen, die Befreiung von Menschen aus  Gefängnissen  und weitere Forderungen nach dem Sturz der Diktatur,
nach demokratischen Wahlen, Presse- und Ausreisefreiheit.
Es gab also ein alternatives Programm zum offiziellen DDR-System. 
 
Der Aufstand hätte mit absoluter Sicherheit gesiegt. Fast das ganze Politbüro hatte sich zum Sitz der sowjetischen Militärverwaltung in Karlshorst geflüchtet, einige sollen sogar schon ihre Koffer gepackt haben.“ (Quelle: geschichte.verdi.de)
 
Dieses alternative Programm, das es nirgends in schriftlicher Form gab,
war Ausdruck der Sehnsucht unterdrückter Menschen, die das stalinistische System             der SED nie gewählt haben,  nach menschenwürdigen Lebensbedingungen, war Ausdruck der Hoffnung, dass  nach Stalins Tod im März 1953 demokratische politische Verhältnisse möglich werden.
 
Josef Laufer, Mitarbeiter am Zentrum für Zeithistorische Forschung Potsdam schrieb 2003 in einem Beitrag für die Beilage zur Wochenzeitung Das Parlament  “Volksaufstand gegen die Siegermacht?“ :
„In den Teilen Deutschlands, die im April 1945 von der Roten Armee besetzt wurden und unter deutscher Verwaltung verblieben, vollzog sich nach Kriegsende umgehend eine revolutionäre Umwälzung, welche unabhängige Beobachter als Sowjetisierung gekennzeichnet haben.
Die war die Realität, in der etwa 18 Millionen Deutsche, darunter Millionen aus ihrer Heimat östlich der Oder und südlich des Erzgebirges Vertriebene, leben mußten.“
 
„Jedes Aufbegehren gegen die willkürlichen Normerhöhungen, gegen wirtschaftliche Mißstände, gegen Zwangskollektivierung, gegen Drangsalierung der Unternehmer und Selbständigen, gegen Remilitarisierung und nicht zuletzt gegen die undemokratische Herrschaft der SED richtete sich –bewußt oder unbewußt- gegen die Macht, die nach dem 8.Mai 1945 die oberste  Gewalt im Osten Deutschlands übernommen und sie im Oktober 1949 lediglich partiell an die SED-Regierung abgetreten hatte.
Alle seit Öffnung der DDR-Archive durchgeführten Untersuchungen führen trotz mancher Differenzen in der Interpretation zu dem einhelligen Ergebnis:
Ohne die UdSSR wären Walter Ulbricht und die SED am 17.Juni kläglich untergegangen.
Die sowjetischen Truppen zwangen die Aufständigen zur Unterwerfung.
Wahrscheinlich war es die schockierende Wirkung der schlagartig sichtbar gewordenen Machtverhältnisse, welche viele Deutschen in Ost und West daran  hinderte, die Tatsache  deutlich auszusprechen: 
 
Die Russen wurden am 17.Juni 1953 noch einmal zum Sieger in Deutschland.“
 
Im sowjetischen Außenministerium gab es nach Stalins Tod Diskussionen über die deutschlandpolitischen Zielsetzungen. Diese fanden am 14,Mai 1953 abrupt ein Ende, als im Parteipräsidium über die Massenflucht aus der DDR ein Bericht Berijas beraten wurde und sich wahrscheinlich erstmals  die Frage nach der weiteren Existenz der DDR  stellte.
Stalins Zögling Malenkov, der neue Ministerpräsident sah sich gezwungen einzugestehen:
„ Die Analyse der inneren politischen und wirtschaftlichen Situation in der DDR und die Massenflucht der Bevölkerung Ostdeutschlands in den Westen( ca.  500 000 sind bereits geflüchtet) zeigt mit aller Deutlichkeit, dass wir es mit der Gefahr einer inneren Katastrophe zu tun haben. Wir sind verpflichtet, nüchtern der Wahrheit ins Auge zu schauen und anzuerkennen, dass das bestehende Regime in der DDR ohne die Anwesenheit sowjetischer Truppen nicht zu halten ist.“ ebenda.
 
Wie der sowjetische Hochkommissar für Deutschland Wladimir S.Semjonow berichtete, hatte er am 17 Juni1953 um 11 Uhr aus Moskau unter anderem die Weisung empfangen, „militärische Standgerichte  einzurichten und zwölf Rädelsführer zu erschießen. Die Mitteilung über die Exekution sollten überall in der Stadt  ausgehängt werden.
 
„Aus Urteilen Sowjetischer Militärtribunale, die im Zusammenhang mit dem 17 Juni 1953 ergingen ist ersichtlich, dass sie sich juristisch auf das Strafgesetzbuch der RFSFR(Russischen Sozialistischen Föderativen Sowjetrepublik) gründeten.
Artikel 58 Absatz 2 stellt den Tatbestand des bewaffneten Aufstands und das Eindringen von bewaffneten Banden in das Sowjetgebiet in konterrevolutionärer Absicht unter Strafe; Artikel 58 Absatz 8 betraf die Begehung terroristischer Handlungen u.a.  gegen die Vertreter  der Sowjetmacht.
Semjonow hat in seinem Lagebericht über die DDR für das dritte Quartal 1953 eine vorläufige Zahl nach Moskau gemeldet:
„Insgesamt sind zum 5.Oktober durch Gerichte der DDR 1240 Teilnehmer der Provokationen verurteilt worden.“ Laufer, ebenda
 
In dem Buch „Die Toten des Volksaufstandes vom 17.Juni 1953“ 
stellt das Herausgeberteam Edda Ahrberg, Hans-Herrmann Hertle, 
Tobias Hollitzer und der Stiftung zur Aufarbeitung der SED-Diktatur fest:
 
„Nach unseren Rechercheergebnissen sind 55 Todesopfer durch Quellen belegt, unter ihnen 4 Frauen:
- 34 Demonstranten, Passanten und Zuschauer wurden  am 17.Juni und den Tagen  danach(bis         zum 23.Juni) von Volkspolizisten und sowjetischen Soldaten erschossen bzw. starben an         den Folgen der ihnen zugefügten Schussverletzungen;
- 5 Männer wurden von Instanzen  der sowjetischen Besatzungstruppen in Deutschland zum         Tode verurteilt und hingerichtet;
- 4 Personen starben in Folge menschenunwürdiger Haftbedingungen;
- 4 im Zusammenhang mit dem Juni-Aufstand festgenommene begingen in der         (Untersuchungs-)Haft Selbstmord, wobei zumindest in zwei Fällen Fremdeinwirkung nicht         auszuschließen ist;
- 1 Demonstrant verstarb beim Sturm auf ein Volkspolizei-Revier an                           Herzversagen;
- 5 Angehörige der DDR-Sicherheitsorgane wurden getötet: zwei                          Volkspolizisten und ein MfS-Mitarbeiter bei der Verteidigung eines                    Gefängnisses von Unbekannten erschossen, ein Mitarbeiter des                      Betriebsschutzes von einer wütenden Menge erschlagen und ein weiterer Volkspolizist versehentlich  von sowjetischen Soldaten erschossen.
 
Von 25 vermeintlichen und ungeklärten Todesfällen ist durch unsere Recherchen  bei sieben Prozent belegt, dass sie nicht im Zusammenhang mit dem Volksaufstand ums Leben kamen. Zu 41 wegen angeblicher Befehlsverweigerung in Berlin und Biederitz bei Magdeburg erschossenen sowjetischen Soldaten konnten bisher keine gesicherten Hinweise gefunden werden.Dem aktuellen Forschungsstand zufolge handelt es sich um eine Legende des Kalten Krieges“
 
Ende Januar 1954 weist ein Bericht der Justizministerin Hilde Benjamin und vom Generalstaatsanwalt Ernst Melsheimer folgende Zahlen aus:
Von den 1526 Angeklagten, die verurteilt wurden, erhielten 
 
2 Angeklagte die Todesstrafe,
3 Angeklagte lebenslänglich Zuchthaus, 
13 Angeklagte Strafen von 10-15 Jahren, 
99 Angeklagte Strafen  von 5-10 Jahren
824 Angeklagte Strafen von 1-5Jahren und 
546 Angeklagte Strafen  bis zu einem Jahr.
 
Die Gesamtzahl der Verurteilten beträgt 1600. 
 „ Der „inneren Staatsgründung“ der DDR im Ergebnis der Volkserhebung am 17 Juni war ein außenpolitischer Klärungsprozess in der UdSSR vorausgegangen. Die Hunderttausende, die 1953 in Städten und Gemeinden der DDR spontan auf die Straße gingen, ahnten  diese Zusammenhänge nicht. Sie hofften, an der Siegermacht vorbei ihre Probleme und möglichst auch die Deutsche Frage lösen zu können. Sie hätten es jubelnd begrüßt, wenn die UdSSR aus Deutschland heraus gedrängt worden wäre. Doch es kam anders. Der Juni Aufstand sprengte nicht die Verhältnisse, gegen die er sich richtete, sondern festigte sie.“
( Quelle: Laufer ebenda)
 
 
Maximilian Tauscher"
 

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