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13.08.2018, 16:00 Uhr
Ansprache zum Gedenken des Mauerbaus am 13.08.1961 am Gedenkstein
Maximilian Tauscher

Wir gedenken der 136 Menschen, die zwischen 1961 und 1989 an der Berliner Mauer ihr Leben verloren haben.

13.08.2018

Sehr geehrte Frau Bezirksbürgermeisterin Richter-Kotowski Steglitz-Zehlendorf,

Sehr geehrte Damen und Herren Bezirksverordnete und Gemeindevertreter,

Sehr geehrte Damen und Herren,

es ist zu unserer jahrelangen Tradition geworden, dass Vertreter des Berliner Stadtbezirkes Steglitz/Zehlendorf und der Gemeinde Kleinmachnow im Bewusstsein der erlebten Geschichte gemeinsam des 13.August 1961 und insbesondere der Toten an der Berliner Mauer gedenken.

Wenn wir der Bedeutung dieses einschneidenden Ereignisses gerecht werden wollen, lade ich Sie dazu ein, sich die Vorgeschichte mit einigen Aspekten in Erinnerung zu rufen. Vor wenigen Tagen, am 2.August, jährte sich der Abschluss der Potsdamer Konferenz 1945.

Im Potsdamer Abkommen war fixiert worden, dass Deutschland in 4 Besatzungszonen geteilt wurde, die jeweils von den Militärgouverneuren der alliierten Mächte USA, Großbritannien, Frankreich und der UdSSR kommandiert werden sollten.

Wir wissen, auch die Hauptstadt Berlin wurde in vier Sektoren unterteilt.

Zum Kriegsende, vom 2.Mai bis zum 4.Juli gab es in Berlin nur eine Besatzungsmacht- die Sowjetunion. Danach zogen sich die sowjetischen Streitkräfte aus den Westsektoren zurück. Eine deutsche Zentralgewalt gab es nicht mehr.

Für die Behandlung Deutschland sollten folgende Ziele wegweisend sein:

Demokratisierung, Entnazifizierung, Demilitarisierung, Demontage der Industrie auf ein fixiertes Maximum um für die Zukunft von Deutschland ausgehende militärische Konflikte zu verhindern. Die Demontagen der Industriekapazität standen unter dem Gedanken der Ersatzleistung für verursachten Schaden durch das Deutsche Reich, aber auch unter dem Sühnegedanken. Da sich die Alliierten über die Höhe der Reparationsleistungen und über die konkrete Ableistung nicht einigen konnten, die West - Alliierten wollten der SU zwar 10 Milliarden Dollar zuerkennen, entschied man, dass jede Besatzungszone die Reparationen zu leisten hat, die die Besatzungsmacht von ganz Deutschland zu fordern hat. Mit dieser Entscheidung wurde die sowjetisch besetzte Zone zusammen mit den Demontagen über die Maßen belastet. (Sehr informativ ist eine vom Bundesministerium für gesamtdeutsche Fragen herausgegebener Bericht von Dr. Franz Rupp „ Die Reparationsleistungen der sowjetischen Besatzungszone“ von 1951) In seinem Buch „ Manches war doch anders“ schreibt Ernst Lemmer: „Unsere erste Sorge galt der Ernährung der Bevölkerung. Die wackeren Lebensmittelhändler und Bäcker von Kleinmachnow taten alles Erdenkliche, um eine rationierte Brot - und Lebensmittelversorgung möglich zu machen. Aber der Nachschub blieb aus, denn die Amerikaner und die Sowjets konnten sich nicht über die Stadtgrenze von Berlin einig werden. Die Amerikaner hielten sich an die tatsächliche politische Grenze, die am Bahnhof Düppel, an der Bahnlinie Potsdam-Berlin( der Stammbahn), verlief, die Russen behaupteten, der Teltow-Kanal im südöstlichen Randgebiet dieser Wohngemeinde sei die Demarkationsgrenze. Die Bürger Kleinmachnows wohnten diesseits des Kanals(von Berlin aus gesehen)und wären - hätte sich die russische Auffassung durchgesetzt damals Berliner geworden, was uns aus begreiflichen Gründen sehr recht gewesen wäre.“ Schreibt Lemmer.

Die Anti-Hitler-Koalition fand bald nach dem Krieg ein Ende, denn die Sowjetunion baute ihre militärisch errungenen Machtpositionen gewaltsam aus. Nicht nur in der SBZ, sondern auch in den mittelosteuropäischen Ländern errichtet sie mit den von Ihr gesteuerten kommunistischen Parteien neue Diktaturen.

Im Auftrag Stalins waren noch vor dem Kriegsende Einsatzgruppen für die verschiedenen Frontbereiche in die sowjetisch besetzte Zone geschickt worden, die das sowjetische Gesellschaftmodell der Diktatur einführen und durchsetzen sollten. Die sogenannte Gruppe Ulbricht flog am 30.April in einem Flugzeug nach Berlin. Wolfgang Leonhard zitiert eine Parole von Walter Ulbricht „Es muss demokratisch aussehen, aber wir müssen alles in der Hand behalten“.

Mit dem Vorrücken der Roten Armee wurden in der sowjetischen Besatzungszone 66.000 Personen verhaftet, die in die NKWD-Lager untergebracht wurden. Andreas Weigelt schildert in seinem Buch „Umschulungslager existieren nicht“ u.a. “Die bis April 1945 mit dem Namen des sowjetischen Schriftstellers Ilja Ehrenburg verbundene Propaganda von Rache und Hass gegen alles Deutsche ließ im Verständnis nicht weniger Sowjetsoldaten die ihnen ausgelieferte deutsche Zivilbevölkerung, besonders die Frauen, als Freiwild erscheinen.“..

Am 20.April befahl Stalin den Oberkommandierenden einen veränderten Umgang mit der deutschen Bevölkerung.“: Die Deutschen besser behandeln. Die harte Behandlung der Deutschen ruft bei ihnen Furcht hervor…“Auf die Verhaftungspraxis in der SBZ hatte das keine Auswirkungen.“

2009 meldete die Frankfurter Allgemeine Zeitung, dass Russland 10.091 Deutsche, die von sowjetischen Militärgerichten aus politischen Gründen verurteilt worden waren, rehabilitiert hat.

Jede der vier Besatzungszonen war vorerst eine von den anderen Zonen isolierte wirtschaftliche Einheit. Angesichts der wirtschaftlichen Probleme im zerstörten Deutschland und der Auswirkungen des sehr strengen Winters 1946/47 organisierten die Westmächte eine engere wirtschaftliche Zusammenarbeit, die aber von der SU abgelehnt wurde.

Die wirtschaftliche Entwicklung der Westzonen führte zwangsläufig zu einer Währungsreform, die dann auch am 20. Juni 1948 stattfand. In seinem Buch „Wie es zu Deutschlands Teilung kam“ stellt der Autor Wolfgang Benz fest: „In der sowjetischen Zone gab es drei Tage später eine eigene Währungsreform. Sie wirkte improvisiert: Weil die sowjetische Besatzungsmacht schon 1945 Banken und Sparguthaben stillgelegt und damit etwa 70 Milliarden Reichsmark aus dem Umlauf genommen hatte, war eine Währungsreform in der SBZ nicht dringlich gewesen… Da neue Geldzeichen nicht so rasch zur Verfügung standen, musste improvisiert werden. Reichsmarkscheine wurden mit Wert-Coupons überklebt, die nach der Währungsreform wieder gültig machten.“ Diese Arbeit wurde von den in sowjetischen Speziallagern inhaftierten Personen ausgeführt.

In den drei Westsektoren wurden am 24.Juni 1948 zwar die westliche DM eingeführt, aber es konnte auch mit Ostmark bezahlt werden, im Ostsektor war die Westmark verboten. Unmittelbar nach der Währungsreform blockierte die Sowjetunion alle Transportwege nach West-Berlin. Auch die Versorgung mit Elektroenergie wurde eingestellt. Die Sowjetunion vertrat die Auffassung, dass die Viermächte-Verwaltung Deutschlands und Berlins durch den Alliierten Kontrollrat nicht mehr existiert und deshalb die Anwesenheit der Westmächte in Berlin rechtswidrig und Berlin Bestandteil der Sowjetischen Besatzungszone sei. Am 20 März 1948 hatte die SU den Kontrollrat verlassen, nachdem sie selbst die Arbeit dieses Gremiums entscheidend behindert hatten.

Die USA startete gemeinsam mit Großbritannien vor 70 Jahren eine beispiellose Rettungsaktion unter der Leitung von General Clay durch die einmalige Luftbrücke, die außer der praktischen Wirkung für die Menschen in Westberlin schließlich nach der Beendigung der Blockade auch die Erfahrung vermittelten, dass die Westmächte West - Berlin nicht an die Sowjetunion auslieferten.

Ab August 1948 gab es auf diplomatischer Ebene Verhandlungen, bei denen die SU nicht nur forderte, dass die Westmächte auf die westliche Währung in Berlin verzichten sollten, sondern auch die Bildung einer Regierung in Westdeutschland nicht anstreben sollten.

Als Ergebnis der Verhandlungen war ein Viermächte Abkommen vom 4.Mai 1949, das am 12.Mai in Kraft trat und das Ende der sowjetischen Blockade Berlins und aller Beschränkungen vorsah. In dieser Zeit der Verhandlungen strebte Walter Ulbricht in Moskau bereits die Zustimmung zur Gründung der DDR an. Stalin entschied, dass erst die Gründung des westdeutschen Staates abgewartet werden soll.

Wir gedenken der 55 Todesopfer des Volksaufstandes 17.Juni 1953. Nur das Eingreifen sowjetischer Panzer rettete die SED-Herrschaft; sie schlugen, zusammen mit DDR - Sicherheitskräften, den Aufstand blutig nieder. In dem Buch „Die Toten des Volksaufstandes vom 17.Juni 1953“ sind 55 Todesopfer durch Quellen belegt.

Stellvertretend für die Vielen nenne ich Josef Laufer, Mitarbeiter am Zentrum für Zeithistorische Forschung Potsdam schrieb 2003 in einem Beitrag für die Beilage zur Wochenzeitung „Das Parlament “Volksaufstand gegen die Siegermacht?“ … „In den Teilen Deutschlands, die im April 1945 von der Roten Armee besetzt wurden und unter deutscher Verwaltung verblieben, vollzog sich nach Kriegsende umgehend eine revolutionäre Umwälzung, welche unabhängige Beobachter als Sowjetisierung gekennzeichnet haben. Die war die Realität, in der etwa 18 Millionen Deutsche, darunter Millionen aus ihrer Heimat östlich der Oder und südlich des Erzgebirges Vertriebene, leben mussten.“ „Jedes Aufbegehren gegen die willkürlichen Normerhöhungen, gegen wirtschaftliche Missstände, gegen Zwangskollektivierung, gegen Drangsalierung der Unternehmer und Selbständigen, gegen Remilitarisierung und nicht zuletzt gegen die undemokratische Herrschaft der SED richtete sich –bewusst oder unbewusst- gegen die Macht, die nach dem 8.Mai 1945 die oberste Gewalt im Osten Deutschlands übernommen und sie im Oktober 1949 lediglich partiell an die SED Regierung abgetreten hatte. Alle seit Öffnung der DDR Archive durchgeführten Untersuchungen führen trotz mancher Differenzen in der Interpretation zu dem einhelligen Ergebnis: Ohne die UdSSR wären Walter Ulbricht und

die SED am 17.Juni kläglich untergegangen. Die sowjetischen Truppen zwangen die Aufständigen zur Unterwerfung. Wahrscheinlich war es die schockierende Wirkung der schlagartig sichtbar gewordenen Machtverhältnisse, welche viele Deutsche in Ost und West daran hinderte, die Tatsache deutlich auszusprechen: Die Russen wurden am 17.Juni 1953 noch einmal zum Sieger in Deutschland.“—

Im sowjetischen Außenministerium gab es nach Stalins Tod Diskussionen über die deutschlandpolitischen Zielsetzungen. Diese fanden am 14,Mai 1953 abrupt ein Ende, als im Parteipräsidium über die Massenflucht aus der DDR ein Bericht Berijas beraten wurde und sich wahrscheinlich erstmals die Frage nach der weiteren Existenz der DDR stellte. Stalins Zögling Malenkov, der neue Ministerpräsident sah sich gezwungen einzugestehen:

„ Die Analyse der inneren politischen und wirtschaftlichen Situation in der DDR und die Massenflucht der Bevölkerung Ostdeutschlands in den Westen( ca. 500 000 sind bereits geflüchtet) zeigt mit aller Deutlichkeit, dass wir es mit der Gefahr einer inneren Katastrophe zu tun haben. Wir sind verpflichtet, nüchtern der Wahrheit ins Auge zu schauen und anzuerkennen, dass das bestehende Regime in der DDR ohne die Anwesenheit sowjetischer Truppen nicht zu halten ist.“

Chruschtschow-Ultimatum und die Berlin-Krise In seinem Buch „Die Berliner Mauer -Monument des Kalten Krieges“ stellt Hans - Herrmann Hertle die Berlin-Krise wie folgt dar:

„Am 27. November 1958 stellt der sowjetische Partei- und Staatsführer Nikita Chruschtschow ein Ultimatum auf: Falls die Westmächte nicht innerhalb von 6 Monaten in Verhandlungen über einen Friedensvertrag und die Umwandlung West-Berlins in eine „Freie Stadt“ träten, werde die SU einen einseitigen Friedensvertrag mit der DDR abschließen. Sie werde darin alle sowjetischen Rechte und Verantwortungen gegenüber Berlin an die DDR-Regierung abtreten – insbesondere die Kontrolle der Verbindungswege zur Bundesrepublik zu Lande, auf dem Wasser und in der Luft.“

Der amerikanische Präsident Kennedy lehnt das ab und droht mit Verstärkung der Militärpräsenz in Europa. Chruschtschow stimmt intern der Abriegelung West-Berlins zu.

13.August 1961

Mehr als 10.000 Volks- und Grenzpolizisten, unterstützt von einigen Tausend Betriebs-Kampfgruppen-Mitglieder, reißen am frühen Morgen mitten in Berlin das Straßenpflaster auf und errichten Barrikaden.

Die Berliner Mauer und die innerdeutsche Grenze wurden im Laufe der Zeit immer weiter ausgebaut, damit Fluchtversuche nicht gelingen sollten.

Wir gedenken der 136 Menschen, die zwischen 1961 und 1989 an der Berliner Mauer ihr Leben verloren haben.

Stellvertretend für die vielen nenne ich die Namen der im Gemeindegebiet von Kleinmachnow ermordeten.

- Peter Mädler, 20 Jahre

- Christian Buttkus, 21 Jahre

- Walter Kittel, 23 Jahre

- Karl-Heinz Kube, 17 Jahre

Insgesamt 327 Todesopfer hat das DDR-Regime an der innerdeutschen Grenze in der Zeit von 1949 bis 1989 gefordert. Dies geht aus einer Studie des Forschungsverbunds SED - Staat der Freien Universität Berlin hervor, die 2017 vorgestellt wurde. Mit dieser Untersuchung wurde die Aufarbeitung der Todesfälle an der knapp 1.400 Kilometer langen innerdeutschen Grenze abgeschlossen 4,9 Millionen Flüchtlinge kamen in der Zeit von 1945 bis1989 in den Westen. 300.000 flüchteten von 1961 bis1989 illegal im Zusammenhang mit einem Westbesuch. Noch 1961 verließen 181.007 Menschen die DDR. Es muss festgestellt werden, dass die vielen Menschen, die die sowjetische Besatzungszone und später die DDR durch Flucht verlassen haben, überwiegend durch den von den Westmächten konsequent vertretenen Viermächte-Status von West-Berlin möglich war.

 

Maximilian Tauscher

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