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18.12.2006, 15:15 Uhr | PNN
40 Schüsse im Todesstreifen
ZZF-Dokumentation über Mauertote
Kleinmachow/Berlin - Eine einzelne rote Rose liegt vor dem schlichten Holzkreuz, das man auch ohne Ortskenntnis in der Berleppstraße nicht übersieht. Drüben, vom Kleinmachnower Wochenmarkt, klingt es nach Feierabend an diesem Samstag-nachmittag. Die Buden werden dicht gemacht, ein paar Skateboards knallen auf den Asphalt. Wenige Meter weiter ist man in Zehlendorf, den Ortswechsel vollzieht man mit einem Schritt, dann ist man drüben. Früher ging das nicht, da stand hier die Mauer.
In das Holzschild ist der Name Karl-Heiz Kube, ist eingraviert. 10.04.49 - 16.12.66. „Auf dem Weg in die Flucht erschossen“. Den 17-jährigen Ruhlsdorfer kostete der heute gedankenlos gemachte Schritt über die Stadtgrenze das Leben. Vor 40 Jahren starb er im Todesstreifen an der Mauer nahe des Kleinmachnower Erlenweges, unweit des Teltower Hafens. Mit einem Seitenschneider hatten er und ein Freund Stolper- und Stacheldrähte durchtrennt, sie waren bis zum Sperrgraben gelaufen und hatten noch einen etwa zwei Meter hohen Eisenflechtzaun vor sich. Dahinter lag ihr Traum von Freiheit. Den letzten Schritt verhinderten die Kalaschnikows der Grenzposten. Selbst als die beiden den Rückzug antraten, hörte der Kugelhagel nicht auf. 40 Schüsse fielen. Karl-Heinz Kube starb durch zwei Treffer in Kopf und Brust auf dem Weg zurück in den Osten. Sein Freund überlebte und wurde wegen „gemeinschaftlich versuchtem Grenzdurchbruch“ zu einem Jahr und acht Monaten Haft verurteilt und danach in den Westen abgeschoben.
Einige Todesfälle an der Mauer erregten öffentliches Aufsehen, andere sind vergessen oder wurden gar nicht bemerkt. Bis heute sind Zahl, Namen und Schicksale der Todesopfer nicht vollständig bekannt. In einem gemeinsamen Projekt des Potsdamer Zentrums für Zeithistorische Forschung (ZZF) und des Vereins Berliner Mauer werden die Umstände und Lebensgeschichten aller Maueropfer recherchiert, um sie in einem biografischen Handbuch zu dokumentieren. Nach zweijähriger Forschung unter Leitung von Dr. Hans-Hermann Hertle soll die Arbeit im kommenden Jahr fertig sein. Als Quellen dienen die Archive der SED, der DDR-Grenztruppen, der Staatsanwaltschaft und der Stasi – und die Erinnerungen von Familienangehörigen.
Für Karl-Heinz Kubes jüngste Schwester – die Familie hatte fünf Kinder – war „Kalle“ jemand, der nie Nein sagen konnte. Von seinem spärlichen Lehrlingsgehalt füllte er ihr zum Schulanfang die Zuckertüte. Um sie auf dem neuen Motorroller mitzunehmen, kaufte er extra einen Kindersitz. Mit den staatlichen Verordnungen hatten 17-Jährige indes seine Probleme. Er wehrte sich gegen den Zwangseintritt in die FDJ und gegen Spenden für den kommunistischen Vietkong. Dafür liebte er die Beatles, die von der Obrigkeit als „Gammlergruppe“ denunziert wurden.
Kubes Eltern wurden über die wahren Umstände, was in der Todesnacht geschah, nie aufgeklärt. Ihnen wurde verwehrt, den Toten noch einmal zu sehen. Auf dem Postweg erhielten sie die Asche ihres Sohnes. Die vier Grenzsoldaten wurden für ihr „vorbildliches Verhalten" und ihre „ausgezeichnete Dienstführung" belobigt und ausgezeichnet. Nach dem Fall der Mauer wurden sie wegen der Todesschüsse angeklagt – und freigesprochen, weil nicht zu klären war, aus welchen Gewehrlauf die tödlichen Kugeln kamen. Klaus-Dieter und Hans-Joachim Kube saßen Anfang der 90er Jahre im Gerichtssaal, als den Männern, die auf ihren Bruder schossen, der Prozess gemacht wurde. „Wir wollten wissen, was passiert war“, sagt Klaus-Dieter Kube. „Was gibt es da groß zu reden“, meint indes Hans-Joachim Kube verbittert, „es wurde nie etwas genaues geklärt.“ Sein Bruder, so erzählt er dann doch von seinen Erinnerungen, habe sich noch von ihm verabschiedet und ihm erklärt hat, wo er den Motorroller abholen kann. Das Moped, mit dem Karl-Heinz Kube bis an die Mauer fuhr, war vom Typ „Berlin“.
Nach einem Gedenkakt überdecken seit vergangenem Samstag ein Dutzend Blumensträuße die einzelne rote Rose. Sie frischen den Hinweis auf, den das Holzkreuz symbolisiert. P. Könnicke

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