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12.05.2015, 09:27 Uhr | Maximilian Tauscher, Vorsitzender der Gemeindevertretung Kleinmachnow
Gedenkworte bei der Kranzniederlegung am 8. Mai 2015 in Kleinmachnow
Wir gedenken heute der Befreiung Deutschlands und Europas vom Nationalsozialismus und des Endes des Zweiten Weltkrieges als  die Armeen der westlichen  Alliierten und der Sowjetunion Deutschland zur Kapitulation zwangen, nicht durch Selbstbefreiung des Deutschen Volkes.

 

Wir gedenken heute aller Toten und Geknechteten der nationalsozialistischen Gewaltherrschaft, die von Deutschland ausging und viel Leid und Zerstörung über ganz Europa, ja über die ganze Welt brachte.

Wir wissen, dass die Ursachen für  den katastrophalen Zusammenbruch und die äußere Teilung Deutschlands und Europas in der Machtergreifung Adolf Hitlers mit der nationalsozialistischen Diktatur liegen. 

„Wir haben allen Grund, für diesen aufopferungsvollen Kampf der ehemaligen Gegner in Ost und West dankbar zu sein. Er hat es möglich gemacht, dass wir in Deutschland heute in Freiheit und Würde leben können.“

„Millionen von Soldaten der Roten Armee sind in deutscher Kriegsgefangenschaft ums Leben gebracht worden. Sie gingen an Krankheiten elendig zugrunde, sie verhungerten, sie wurden ermordet. Millionen von Kriegsgefangenen, die doch nach Kriegsvölkerrecht und internationalen Verabredungen in der Obhut der Deutschen Wehrmacht waren.

Sie wurden auf lange Fußmärsche gezwungen, in offenen Güterwagen verschickt, sie kamen in sogenannte Auffang- oder Sammellager, in denen es anfangs so gut wie nichts gab, keine Unterkunft, keine ausreichende Verpflegung, keine sanitären Anlagen, keine medizinische Betreuung, nichts. Sie mussten sich Erdlöcher graben, sich notdürftig Baracken bauen, sie versuchten verzweifelt, irgendwie zu überleben. Dann wurden sie in großer Zahl zum Arbeitseinsatz gezwungen, den sie, geschwächt und ausgehungert, wie sie waren, oft nicht überlebten.“

„Im  Kriegsgefangenenlager "Stalag 326 Senne" waren mehr als 310.000 Kriegsgefangene untergebracht. Sehr viele von ihnen sind umgekommen, zehntausende sind dort begraben.

Was sagen Zahlen? Wenig – und doch geben sie zumindest eine ungefähre Vorstellung von dem Schrecken und von der unbarmherzigen Behandlung, die die Sowjetsoldaten in deutscher Gefangenschaft erlitten haben.

Wir müssen heute davon ausgehen, dass von über 5,3 Millionen sowjetischen Kriegsgefangenen deutlich mehr als die Hälfte umkam.

Millionen Schicksale, Namen, Lebensgeschichten. Es waren Russen, Ukrainer, Kirgisen, Georgier, Usbeken, Turkmenen – sie kamen aus allen Völkern der Sowjetunion.

Wenn wir betrachten, was mit den westalliierten Kriegsgefangenen geschah, von denen etwa drei Prozent in Gefangenschaft starben, dann sehen wir einen gewaltigen Unterschied: Anders als im Westen war der Krieg im Osten vom nationalsozialistischen Regime von Anfang an als ein Weltanschauungskrieg, ein Vernichtungs- und Ausrottungskrieg geplant. Und so wurde er auch geführt, denken wir zum Beispiel an die jahrelange Belagerung Leningrads mit dem Ziel des Aushungerns einer Millionenstadt.

Denken wir an die Brutalität gegenüber der Zivilbevölkerung in allen besetzten Ländern, ganz besonders aber in Russland. Das geschah bewusst und vorsätzlich und auf ausdrücklichen Befehl Adolf Hitlers. Die Wehrmacht setzte diese Befehle bereitwillig um. Es war der Generalstabschef Halder, der im Mai 1941 forderte: "Wir müssen von dem Standpunkt des soldatischen Kameradentums abrücken. Der Kommunist ist vorher kein Kamerad und nachher kein Kamerad". Dementsprechend sollten die Gefangenen behandelt werden, und das ist bei den Völkern der ehemaligen Sowjetunion bis heute in unauslöschlicher Erinnerung.

Als die Sowjetunion sich ganz zu Anfang des Krieges bereit erklärt hatte, über das Rote Kreuz mit dem Deutschen Reich eine Vereinbarung über die Behandlung von Kriegsgefangenen zu schließen, lehnte Hitler brüsk ab und er sorgte dafür, dass seine Ablehnung in Millionen von Flugblättern auch seinen Soldaten bekannt wurde. Sein Ziel war eindeutig: Kein deutscher Soldat sollte glauben, in sowjetischer Kriegsgefangenschaft überleben zu können. Alle sollten bis zum letzten Atemzug kämpfen und sich auf keinen Fall ergeben. Das Schicksal derjenigen seiner Soldaten, die dann doch gefangen wurden, war dem Obersten Befehlshaber vollkommen gleichgültig.

Auf der anderen Seite dekretierte Stalin: Wenn ein sowjetischer Soldat gefangen werde, habe er nicht bis zuletzt gekämpft, konnte gleichsam nur desertiert, also ein Verräter sein.

Deswegen erwartete bei Kriegsende viele in die Heimat entlassene sowjetische Kriegsgefangene erneute Lagerhaft oder sogar Tod. Wir können nur ahnen, wie viele Mütter, wie viele Ehefrauen, wie viele Bräute und wie viele Kinder noch nach Kriegsende vergeblich gewartet haben; und auch wie schwer es für sie war, damals ihrer Toten zu gedenken.

Als Deutsche fragen wir zuerst nach deutscher Schuld und Verantwortung. Und für uns bleibt festzuhalten, dass der millionenfache Tod derer, die unter der Verantwortung der Deutschen Wehrmacht starben, "eines der größten deutschen Verbrechen des Zweiten Weltkriegs" gewesen ist. Viele wollten das nach dem Krieg noch sehr lange Zeit nicht wahrhaben. Aber spätestens heute wissen wir: Auch die Wehrmacht hat sich schwerer und schwerster Verbrechen schuldig gemacht.

Aus mancherlei Gründen ist dieses grauenhafte Schicksal der sowjetischen Kriegsgefangenen in Deutschland nie angemessen ins Bewusstsein gekommen – es liegt bis heute in einem Erinnerungsschatten. Das mag damit zu tun haben, dass die Deutschen in den ersten Jahren nach dem Krieg vor allem an ihre eigenen Gefallenen und Vermissten dachten und an die Kriegsgefangenen, die zum Teil noch bis 1955 in der Sowjetunion festgehalten wurden.

In späteren Jahren haben in Westdeutschland und auch im wiedervereinigten Deutschland die Erinnerung an den Völkermord an den Juden und die beginnende Scham darüber die Auseinandersetzung mit den anderen Verbrechen überlagert.

Dabei sind doch die Verbrechen des Nationalsozialismus zutiefst miteinander verbunden. Sie haben alle dieselbe Wurzel: Alle stammen sie aus der Vorstellung, dass auch unter Menschen nur das Recht des Stärkeren gelte, und dass der Stärkere das Recht habe, über das Lebensrecht der Anderen zu entscheiden, über Wert und Unwert ihres Lebens. So wurden die Juden, die Sinti und Roma ausgesondert, gedemütigt und ermordet, die Behinderten, die Homosexuellen. So wurden die Völker im Osten als "minderwertig" diffamiert, weswegen man mit ihnen ohne Rücksicht auf Humanität und Menschenrechte, auch ohne Rücksicht auf die Regeln des Völker- und Kriegsrechts verfahren dürfe.“

„Erschütternd ist immer noch, wenn wir sehen, in wie kurzer Zeit ganz normale Männer und Frauen, einmal mit dieser Ideologie vergiftet, zu Komplizen der Unterdrückungspraxis gemacht oder sogar zu unbarmherzigen Menschenschindern und Mördern werden konnten.“

„Das ist (hier) geschehen, (hier), mitten in Deutschland. Und es ist nicht irgendwie "geschehen".

Es wurde "gemacht" und "verübt", planmäßig und mit bösem Kalkül.

Von Menschen, mit denen wir Sprache, Herkunft und Nationalität teilen, von Menschen, deren Verbrechen heute Teil unserer Geschichte sind.

Wir müssen unseren Willen anstrengen, um die Wahrheit auszuhalten, um nicht immer unwillkürlich zu denken: Das kann doch unmöglich wahr sein – das, was …. an hunderten von ...  über ganz Deutschland verstreuten Orten menschenmöglich war – und was (hier) tatsächlich stattgefunden hat.

Wir müssen aber nicht nur unseren Verstand anstrengen, nicht nur unser Vorstellungsvermögen aktivieren und unsere historischen Kenntnisse erweitern. Wir müssen – zuerst und zuletzt – auch unser Herz und unsere Seele öffnen für das, was wir kaum glauben wollen. Es geht um eine wirkliche Empathie, ein wirklich bewegendes, unser Inneres, Herz und Seele bewegendes Gedenken.“

(enthält Zitate aus der Rede des Bundespräsidenten Joachim Gaugk am 6.Mai 2015 in Holte Stukenbrock)

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